Interview von Charlotte Kranenberg, taz.
Wenn Klimapolitik gesellschaftlich breiter akzeptiert werden soll, muss die Verteilungsfrage in den Fokus rücken, sagt der Soziologe Linus Westheuser.
taz: Sie schreiben in einer neuen Studie, Sorgen um die Umwelt seien in der Gesellschaft weit verbreitet. Warum triggert Klimapolitik – wie aktuell die Diskussion um das Verbrenner-Aus – trotzdem so viele Menschen?
Linus Westheuser: Wenn man ganz allgemein fragt, können sich fast alle darauf einigen, dass die Umwelt etwas Positives und Schützenswertes ist. Aber im gesellschaftlichen Alltag wird es schnell komplizierter. Transformationsfragen wie die des Klimaschutzes sind verschlungen mit den Ängsten und Wünschen, Krisen und Ungleichheiten der Gesellschaft.
taz: Was meinen Sie damit?
Westheuser: Viele Menschen erleben den Klimawandel als nur eine unter mehreren Krisen, die sie belasten: Mieten und Preise, die schneller steigen als die Löhne, Ängste vor einer Rezession und Altersarmut, Alltagssorgen um Kinderbetreuung, Zinsen, Überarbeitung und so weiter. Das ist der Kontext, in dem die Nachrichten von der Klimakatastrophe ankommen. „Auch das noch“ ist dann oft die Reaktion. Und die erste Frage ist nicht: Was wird aus der Atmosphäre? Sondern: Muss ich dafür jetzt auch noch blechen? Dazu tritt heute oft noch die Frage: Wird mir irgendwas verboten?
taz: Menschen mit niedrigen Einkommen sind am stärksten von der Klimakrise betroffen. Warum wählen sie dann öfter AfD als Grüne?
Westheuser: Das liegt vielleicht auch daran, dass die Frage der ungleichen Betroffenheit von Klimaschäden nie wirklich im Zentrum der Debatte stand. Man weiß, dass Menschen, die draußen arbeiten, die in schlecht isolierten Wohnungen wohnen, oder die alt und krank sind, am meisten unter dem Klimawandel leiden. Und man weiß auch, dass es ganz überproportional die reichsten zehn Prozent der Gesellschaft sind, die den Klimawandel befeuern, während die untere Hälfte sowieso schon mehr oder minder innerhalb der planetaren Grenzen lebt. Aber der politische Konflikt wurde trotzdem gerahmt, als stünde die aufgeklärte Mittelschicht der urbanen Bioläden gegen die einfachen Leute, die zu engstirnig sind, um ihre Autos aufzugeben.
taz: Von wem?
Westheuser: Rechte und die Wirtschaftslobby haben mit viel Aufwand darauf hingearbeitet. Es gab einen anti-grünen Backlash, der aufwändig orchestriert wurde, unter anderem von Arbeitgeberlobbys wie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Aber auch die Grünen und die Klimabewegung haben strategische Fehler gemacht und sich zu stark auf die Spielregeln ihrer Gegner eingelassen.
taz: Welche strategischen Fehler?
